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Der Wunschbaum – eine magische Alltagsgeschichte
Von Nana Nauwald
Hiddensee. Ein grauer Tag, bestäubt von feinem Nieselregen und gewürzt mit heftigen Windböen. Unverdrossen trotze ich dem Januarwetter und stapfe den Sandweg hoch in das sanfthüglige Oberland. Interessierte Blicke der braun-weißen Kühe folgen mir. Sie staunen über mich, ich staune über sie, wie sie so sichtlich zufrieden in den stachligen Sträuchern stehen und die entsprechend stachligen Zweige zermalmen.
Da liegt auch schon im Grau des Tages der graue Findling inmitten der Kuhbevölkerung, so wie auf der Wanderkarte eingezeichnet. Mein Blick schweift nach links, über die feuchtgrünen, mageren Wiesen – dort müsste laut Karte nun das Hünengrab auftauchen, das Ziel meiner Wanderung. Nach der nächsten Wegbiegung sehe ich es: eine sanfte Kuppe erhebt sich wie ein junger Busen aus der Wiese, gekrönt von einem Baum mit weit ausladendem Geäst, das knorrig ineinander verwachsen ist. Um den Hügel herum liegen vereinzelt größere Steine, die früher sicherlich Teile der Begrenzung oder Befestigung des Grabes gewesen sind. Einer der Steine sieht aus wie ein grimmiges, altes Männergesicht, es scheint mich zu beobachten. Ich entziehe mich der Beobachtung, indem ich meinen Blickwinkel verändere – nun ist es nur noch ein Granitstein mit einigen Abplatzungen. Ich umschreite den Hügel in gespannter Aufmerksamkeit, steige die wenigen Schritte hoch zum Baum. Er ist ein Herrscher und Wächter, zugleich abweisend und beschützend. Der Regen ist heftiger geworden, ich drücke mich eng an den Stamm. Nicht etwa mit ritueller Absicht zur Kontaktaufnahme mit dem Geist des Baumes, sondern nur mit der Absicht um Schutz vor dem Wind.
Es fällt mir nicht leicht mich darauf zu konzentrieren, diesen Ort zu erspüren, Wind und Regen nicht zu beachten, meine Gedanken zur Ruhe zu bringen. Ob unter mir noch die Knochen der Menschen liegen, die hier begraben wurden? Wenn ich beabsichtige, mich mit dem Geist der Menschenahnen, die hier gelebt haben und hier begraben sind, zu verbinden – macht es dann einen Unterschied, ob die Knochen der Menschen noch hier unter mir ruhen? Ist der Geist der Menschen an ihre Knochen gebunden? Oder an die Erde, in der die Knochen liegen? Ist dieses Hünengrab noch von anderer Bedeutung als der, das es vom Leben und Sterben und dem daraus entspringendem Weltbild der Menschen aus der Bronzezeit Zeugnis ablegt? Bleibt ein ritueller Ort wie dieser Grabhügel noch ein ritueller Ort mit spürbarer geistiger Kraft, wenn ihm die Menschen keine geistige Aufmerksamkeit mehr geben?
Der Geist weht, wo er will … Wenn es so ist, dass Geist, die Information aus dem Urgrundfeld allen Lebens, unabhängig ist von materieller Erscheinungsform, dann ist Geist auch nicht an einen Ort gebunden. Erst durch die bewusste Aufmerksamkeit von Menschen, die sich mit geistiger Absicht einem Ort begegnen, wird der Geist dieses Ortes „lebendig“ gehalten und verstärkt.
Wird das geistige Feld eines Ortes eigentlich auch „gefüttert“, wenn der Ort lediglich mit der Absicht zur Besichtigung einer Sehenwürdigkeit besucht wird? Mir raucht der Kopf – dabei wollte ich mich doch losgelöst von Ego und Intellekt mit dem Geist dieses Ortes verbinden! Also zünde ich eine kleine Zigarre an und paffe rituell zum Wohle der Ahnen und Geister dieses Ortes Rauch in den Wind. Dabei drehe ich mich langsam den vier Himmelsrichtungen zu und bemerke nun erst, dass es zwei Baumstämme sind, die diesen Wächter bilden. Noch eine kleine Drehung weiter um den Baum herum und ich sehe, daß sich sogar noch ein dritter Stamm aus dem einem der beiden herauswindet. Sogleich tauchen alte, mythische Bilder vor mir auf: die drei Schicksalsfrauen an den Wurzeln des Weltenbaums, die drei Welten des Schamanismus, die drei Kräfte des Lebens. Dort, wo die Stämme sich einander nähern, um sich zur Erde hin in einem mächtigen Wurzelgeflecht zu vereinigen, hat sich ein Hohlraum zwischen den Stämmen gebildet dessen Eingang so schmal ist, dass ich mit der Hand nicht hineinfassen kann. Der rituelle Rauch und die auf den Baum gerichtete Aufmerksamkeit haben die Gedankenflut in meinen Kopf verebben lassen, mein innerer Raum ist nun so weit wie der hohe Himmel, der sich mit dem Grau des Wassers vereint. Mein Atem verbindet sich mit dem Wind, der den Geruch des Meeres in mich hineinweht. Ich spüre die Erde unter mir, die alten Steine, die Wurzeln des dreifachen Baumes und tausche meinen Atem mit ihrem Atem aus. Über mir wölbt sich die knorrige Baumkrone, in meinem Rücken spüre ich die rauhe Rinde. Ich bin mir des lebendigen Wesens des Baumes bewusst, ich erspüre es, spüre mich als ein Teil dieses Wesens. Aber ich vermag nichts zu erspüren von dem Geist der Menschen, die hier begraben wurden.
Vielleicht sind sie, die „Geister“ der Menschen dieses Ortes, mit ihrem Geist schon längst wieder auf Reisen gegangen, weit über alle Meere und Himmel hinweg dorthin, wo der Geist weht, wie er will.
Vielleicht will der Geist dieses Ortes auch einfach nur in Ruhe gelassen werden und hat sich jedem noch so geistigen Zugriff entzogen.
Bevor ich diesen Ort wieder verlasse, möchte ich doch noch die dreifache Gunst dieser Situation wahrnehmen, um mir etwas zu wünschen. Jahresanfang, ein alter ritueller Ort und der dreifache Baumgeist – wenn das nicht eine hervorragende Wunschsituation ist! Ich konzentriere mich, verzichte auf die klassischen drei Wünsche und spreche einen Hauptwunsch aus. Ich krame in den Taschen meiner Lederjacke nach einer rituellen Gabe, die ich an diesem Ort lassen möchte. Gabe gegen Gabe, so lautet eine Grundregel magischer Handlungen. Die Taschendurchsuchung fördert nur sehr dürftige Gaben hervor: ein benutztes Taschentuch, einen Cent, ein kleiner schwarzer, vom Wasser perfekt zu einem Rechteck geschliffener Stein. Das Taschentuch ist nun wirklich keine geeignete rituelle Gabe, und den Stein habe ich gestern erst gefunden, er ist wirklich sehr schön. Bleibt nur noch der Cent. Waren nicht Münzen schon von alters her beliebte Opfergaben an Quellen, in Mooren und in Gräbern? Mit einem Segensspruch für „gutes Glück“ lasse ich den kupferenen Cent in den Hohlraum zwischen den Stämmen fallen. Schon gehe ich den Hügel wieder hinab, da plagt mich der Gedanke: wenn du nicht bereit bist, etwas als rituelle Gabe zu geben, was dir gut gefällt, dann ist dir die Erfüllung deines Wunsches nicht viel wert. Entschlossen drehe ich mich um, gehe zurück zum Baum und lasse diesen kleinen, perfekten Stein mit einer Entschuldigung für meine vorherige Nicht-Aufmerksamkeit und der erneuten Bitte um Erfüllung meines Wunsches in den Hohlraum gleiten. Der Stein fällt wieder aus dem Spalt zwischen den Baumstämmen heraus. Die Baumgeister wollen meinen Stein nicht. Ich bin zutiefst irritiert. Soll ich den Stein noch einmal in den Hohlraum werfen? Nein, ich stecke ihn wieder in die Jackentasche und nehme das Urteil des Schicksals an: Münze ja, Stein nein.
Zurück in meinem Zimmer ziehe ich mich aus und stelle erschrocken fest, dass ich meine Lieblingskette verloren habe, das einzige Schmuckstück, das ich oft trage, eine schlangenähnliche Perlenarbeit aus Nordamerika. Noch nie ist sie mir so einfach vom Hals geglitten! Ich ziehe mich wieder an und gehe den Weg zurück zum Hügelgrab, die Aufmerksamkeit angespannt auf den Weg gerichtet, überall meine ich, das rot-, gelb-, ocker- grüngescheckte Perlenband aufleuchten zu sehen. Es ist Winter, ich treffe keinen Menschen auf meinem Weg. Und ich finde meine Kette nicht wieder. Vielleicht war ich zu angespannt und habe nicht richtig gesehen? Ich werde den Weg morgen noch einmal gehen.
Oder – kann es sein, dass sich der Geist des Hügelgrabs oder der Geist des Baumes oder die Geister der Ahnen dieses Ortes sich das geholt haben, was ich als liebsten Gegenstand bei mir trug? Meine Schlangenkette als rituelle Gegengabe für die Erfüllung meines Wunsches?
Wenn sich mein Wunsch erfüllt, können sie alle gerne meine Kette behalten. Wenn er sich jedoch nicht im Laufe des Jahres erfüllt, werde ich im nächsten Januar wieder da sein, am Hügelgrab von Hiddensee. Und dann werde ich dem Geist beibringen, zu wehen, wo ich will oder mir meine Kette wiederzugeben!
Sicherheitshalber werde ich dem Vermieter der Ferienwohnung eine Notiz hinterlassen, falls er irgendwo eine schlangenähnliche Kette aus kleinen bunten Perlen sehen sollte …
Vielen Dank, dass wir den Artikel abdrucken durften.
Fotos: Kwiatkowski Verlag
Nana Nauwald
Künstlerin, Buchautorin, Dozentin für Rituale der Wahrnehmungen.
Die vielgestaltige, kreative Lebens-Art (malen, schreiben, lehren, reisen) ist von jahrzehntelangen Erfahrungen in schamanischen Bewusstseinswelten indigener Völker, vor allem im Amazonasgebiet, geprägt. Im Zusammenhang mit ihrem Forschungsgebiet „Rituale der Wahrnehmung“ führt Nana Nauwald in Seminaren in die Erfahrung der „Rituellen Körperhaltungen“, lehrt und erforscht diese Trancetechnik. In dieser Arbeit gilt ihre Aufmerksamkeit vor allem den alten Wissensspuren des europäischen Schamanismus, um aus diesem „alten“ Wissen und dem Wissen, das sie in indigenen schamanischen Kulturen erfährt, neue Wege der Natur- und Bewusstseinserfahrung zu öffnen – nicht nur zum Wohl des Einzelnen, sondern vor allem auch zum Wohl einer vielfarbigen Gemeinschaft.
www.ekstatische-trance.de • www.visionary-art.de
Portrait: Nana Nauwald
Buchtipp:
Nana Nauwald
Feuerfrau und Windgesang
Schamanische Rituale für Schutz und Stärkung
216 Seiten, Hardcover
19,90 €
ISBN 978-3-03800-465-3
AT Verlag
Video: Nana Nauwald auf dem Welt Psychedelik Forum 08. Über schamanische Reisen.
Video by Tina TimeWaveZero TV, www.timewavezero.de
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