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Wir – Von der Entfremdung zur Integration

Die Journalistin Marlies Burghardt sprach mit Pyar über Herausforderungen unserer Zeit.

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MB: Pyar, Dir ist das Thema Wir ein besonderes Anliegen und du hast ihm ein ganzes Buch gewidmet. Wie definierst Du das Wir?


Pyar: Im Mutterleib erfahren wir eine undifferenzierte Einheit. Bei der Geburt und in den Monaten danach entdecken wir Zweiheit und damit verbundene Trennung. Erst dadurch und danach können wir eine bewusste Wahrnehmung von Gemeinschaft, von Wir entwickeln. Diese Wahrnehmung von Verbundenheit und auch von wechselseitiger Abhängigkeit und Bezogenheit kann kleinere und größere Kreise ziehen. Vom Wir einer Zweier-Beziehung bis hin zum Wir als gesamte Schöpfung. Was also ein Individuum zu einem bestimmten Zeitpunkt als Wir als Gemeinschaft erfährt hängt sehr stark von der eigenen Definition und der Weite der Wahrnehmung ab. Die Fähigkeit dieser Wahrnehmung ist also ein evolutionärer Prozess. Dieser Prozess findet in unserer individuellen Entwicklung aber auch in unserer gesamten menschlichen Entwicklung statt. Es war und ist oft ein noch weiter Weg vom Clan-Denken bis hin zum Menschheits-Gedanken oder gar zu einer Empfindung des Wir über die Menschheit oder sogar über die Grenzen unseres Planeten hinaus.

MB: Ist das Wir und die Gemeinsamkeit bei vielen Menschen nicht überwiegend im Anstreben ähnlicher materieller Ziele und im Konsum zu sehen? Ein Kreislauf, der doch sehr schwer durchbrochen werden kann ...
Pyar: Das ist zunächst richtig und zumindest ein Anfang. Wir müssen ja zuerst eine Gemeinsamkeit definieren, damit wir uns als Wir wahrnehmen können. Diese Gemeinsamkeit kann mit einer Versorgungsgemeinschaft beginnen wie in unserer Zeit als Säugling. Sie kann eine Gemeinschaft gemeinsamer Interessen sein – wie in einem Fußballverein oder auch in einer Sangha. Es kann eine Gemeinschaft der Bluts- oder der Geistesverwandtschaft sein. All das ist eine mögliche Grundlage, von der aus wir unseren Horizont weiten können. Das Weiten des Horizontes durchbricht den Kreislauf, den Du ansprichst. Und dieses Weiten sollten wir uns zur Angewohnheit machen.

MB: Welche Chancen siehst du für die jüngere Generation, die geprägt ist von TV, Computer, Handys, Facebook? Das ist sicher nicht das Wir, von dem Du sprichst ...
Pyar: ... weil es die Gefahr birgt, eine Verbindung vorzutäuschen, wo gar keine ist, war ich lange sehr kritisch gegenüber Facebook und ähnlichen Netzwerken. Und sicher verbirgt sich oft viel Einsamkeit hinter 100 virtuellen Freunden. Dennoch sehe ich gerade für die junge Generation in diesen Hilfsmitteln der virtuellen Welt eine große Chance, wenn es uns gelingt, die Kontakte, die zunächst im virtuellen Raum entstehen, zumindest teilweise in eine reale Beziehung hineinwachsen zu lassen. Das ist eine große Herausforderung ... Dieser Herausforderung entkommen wir aber nicht, da sich Entwicklungen nie rückgängig machen lassen! Inzwischen habe ich sogar selbst eine Facebookseite und biete auch gelegentlich Live-Video-Chats an.

MB: Wie erlebst Du das WIR im Zusammenhang mit den Themen Wirtschaft, Politik, Ökologie, Soziales?
Pyar: Zu diesen Themen haben wir ja sehr aktuelle Beispiele. In der Wirtschaft sind die Zeiten längst vorbei, in denen ein einzelnes Land seine Haut retten könnte ohne alle anderen. Genau das wird uns ja gerade in der Eurokrise gnadenlos vor Augen geführt.

MB: Du plädierst für Zurückrudern. Wie soll das gehen?
Pyar: Wie schon gesagt, Entwicklungen lassen sich nicht rückgängig machen, aber wir können dennoch aus Fehlern lernen. Wir können beispielsweise um wieder ein direkteres Verhältnis zu Wert und auch Geld zu bekommen, mehr bar bezahlen und vor allem weniger Konsumenten-Kredite aufnehmen. Vor 25 Jahren hatte ich noch Briefkuverts mit Geldscheinen, die für bestimmte Zwecke, wie Weihnachtsgeschenke oder Urlaub vorgesehen waren. Diese Kuverts konnte man anfassen, die Dicke prüfen, die Scheine zählen ... Das hilft zur Integration ...

MB: Und wie sieht der Weg aus von der Entfremdung zur Integration bezogen auf die Natur, auf Nahrung ...
Pyar: Das Zauberwort heißt Achtsamkeit. Entfremdung bedeutet, dass ich die Verbindung verloren habe. Am Beispiel Nahrung: Die meisten Supermärkte bieten zu achtzig Prozent verpackte Nahrungsmittel an, so dass man eigentlich nicht weiß, ob man in einem Geschäft für Kartons, Blech und Plastik ist, oder in einem Laden für Nahrungsmittel. Da ist es tatsächlich schwer, innerlich die Verbindung zur Nahrung selbst oder gar zu Mutter Erde wahrzunehmen, die sie zur Verfügung stellt, oder zu den Wesen die an der Produktion der Nahrung beteiligt waren, und das in der Wahl der Produkte zu berücksichtigen. Das erfordert einen hohen Grad an freudiger Bereitschaft und Achtsamkeit von uns. Der Lohn dafür ist, dass wir dann tatsächlich die Nahrung kaufen, die uns selbst auch gut tut.

MB: ... Gehört dazu nicht erst einmal, dass ich eine gute Verbindung zu allen Teilen von mir selbst habe? Oft bin ich ja von Teilen von mir selbst entfremdet und trenne dann auch im Außen statt zu verbinden.
Pyar: Ja genau! Das ist der erste und vielleicht wichtigste Schritt! Der fängt beim Individuum selbst an und geht weiter. Alles ist mit allem verbunden, spirituelle Welt – materielle Welt, Individuum – Gemeinschaft ...

MB: Pyar, danke für dieses Gespräch.


pyarPyar Troll-Rauch
Die spirituelle Lehrerin, Ärztin und Buch-Autorin Pyar ist bekannt für ihre Klarheit und Bodenständigkeit und bezieht daher immer wieder Stellung zu Themen unserer Zeit. Sie fordert dazu auf, den Blick für das Wir und die Verbundenheit und Bezogenheit von Mensch und Umwelt zu schärfen und so gemeinsam den Herausforderungen unseres Zeitalters zu begegnen. Ihr geht es um Integration und Verbundenheit der verschiedenen Ebenen: Spirituelles – Materielles, Individuum – Gemeinschaft. Pyar selbst lebt genau das: Sie wohnt in München mit ihrem Mann in einer Gemeinschaft von Freunden, sie praktiziert als Ärztin, hält europaweit Satsangs und Retreats ab, schrieb sechs Bücher ... z. B.:
WIR. Wege zur Verbundenheit • Hütet das Feuer. Jesus als radikalen Weisheitslehrer entdecken • Satsang. Die spirituelle Suche nach Wahrheit und Erkenntnis • Reise ins Nichts. Geschichte eines Erwachens
www.pyar.de
Foto: Troll